Argumente für den Erhalt der gesamten Spielfläche

 

Dem Senatsbeschluss aus dem Januar 2015, nach dem das Tagesbetreuungsangebot für 0-6jährige Kinder weiterentwickelt und ausgebaut werden soll, steht in der Frage der Bebauung von Spielplätzen ein anderer, alle Kinder und Jugendlichen betreffender Beschluss entgegen:

Öffentliche Spielplatzflächen sollen eine Größe von 3 m² pro Einwohner haben. Diese Richtgröße wird in verschiedenen verschiedenen Schriftstücken des Bremer Senats rezitiert, z.B. (vgl. Stellungnahme Corinna Blanck-Kolb, siehe Dokumente):

  • 1971/1972 - Bremer Spielplatz-Report,
  • 2002 - Entwicklungskonzept für Spiel- und Aktionsräume in der Stadtgemeinde Bremen und
  • 2015 - Grundsätze für Planung, Gestaltung und Unterhaltung öffentlicher Spielplätze in der Stadtgemeinde Bremen

Das Richtziel für öffentliche Spielplatzflächen von 3 m² pro Einwohner*in erfüllt die Stadt Bremen nicht. Wie viele andere Bremer Stadtteile ist auch die Bremer Neustadt mit öffentlichen Spielflächen stark unterversorgt: Nur ca. 50 % der eigentlich benötigten Fläche ist vorhanden (vgl. Peter Wührmann, siehe Dokumente).

 

Vor kurzem wurde der Spielplatz Huckelrieder Park im Rahmen der Sanierung des Quartiers von über 5000 m² auf 1760 m² verkleinert (vgl. Wührmann-Papier, siehe Dokumente).

 

Der Spielplatz Hardenbergstr./ Tieckstr./ Kornstr. ist Ausgleichsfläche für nicht gebaute Spielflächen gem. §8 LBO im Neubaugebiet um den Rewe am Buntentorsteinweg (ebd.).

 

 

In den Grundsätzen für Planung, Gestaltung und Unterhaltung öffentlicher Spielplätze in der Stadtgemeinde Bremen der Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen Bremen (2015) ist zu lesen, dass Kinder und Jugendliche laut Artikel 31 der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen nicht nur das Bedürfnis nach Bewegung und Freiraum haben, sondern ein Recht darauf. Zudem brauchen „Kinder und Jugendliche Naturerfahrungsräume, die ein Gegengewicht zur Verdichtung des städtischen Raumes darstellen. Daher sollte in jedem Ortsteil mindestens einmal diese Möglichkeit erhalten oder geschaffen werden“.

Des Weiteren gibt die Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen Bremen (2015) an, dass kombinierte Spielplätze für alle Altersstufen eine Richtgröße von 3000 m² haben sollen (ebd., S. 16), Bolzplätze eine Mindestnutzfläche von 1000 m² und Gelände für Abenteuerspiele und Naturerfahrungsräume zwischen 5000 und 20.000 m².Der Hardenbergspielplatz bietet mit seinen 5000 m² als kombinierter Spielplatz für alle Altersstufen mit Basketball- und Bolzplatz den einzigen frei bespielbaren Naturerfahrungsraum im Stadtteil. Er ist von unermesslichem Wert für die positive Entwicklung der ca. 3000 Kinder und Jugendlichen im Stadtteil (Neustadt-Buntentor-Huckelriede). Spielräume sind Bewegungsräume und Bewegungsräume sind Entwicklungsräume. Sie müssen gerade in Zeiten der digitalen Medien weiter vorgehalten werden! Eine Studie des Kinderhilfswerks (siehe auch weiter unten) fand heraus, dass Kinder, wenn sie ansprechende Spielflächen in ihrer näheren Umgebung vorfinden, 2 Stunden täglich draußen spielen. Sind diese Flächen nicht verfügbar, spielen sie nur 15 Minuten an der frischen Luft. Die negativen Auswirkungen auf die körperliche, geistige und sozio-emotionale Entwicklung der Kinder sind also vorprogrammiert, wenn die mit Spielplätzen eh schon unterversorgte Bremer Neustadt weitere Spielflächen verliert.

Die Bremer Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport gibt an, dass Kinder zwischen 0 und 6 Jahren einen Streifraum von 100 Metern haben, Kinder zwischen 6 und 12 Jahren einen von 300 Metern und Kinder ab 12 Jahren einen Bewegungsradius von 700 Metern. Innerhalb dieser Streifräume sollten die Kinder Spielflächen vorfinden, die sie ansprechen. Laut dem Wührmann-Papier (siehe Dokumente) ist der Hardenbergspielplatz die einzige verbliebene größere Spielfläche im Umkreis und sollte unbedingt erhalten bleiben.

Für die positive Entwicklung von Kindern ist notwendig, dass sie die Wege zu ihren Spielflächen selbst bewältigen können. Die Tendenz, dass Eltern den Alltag ihrer Kinder organisieren und sie häufig zu Orten und Terminen bringen und abholen, wirkt sich laut dem Lehrer Felix Nattermann nachteilig auf die Selbstständigkeitsentwicklung der Kinder aus. Mehr dazu im Spiegel Online - Artikel vom 13.06.2016.

 Es existiert keine hinreichende Begründung, warum die Betreuungsversorgung von 0-6 jährigen Kindern wichtiger sein soll als die Spielräume, Freizeit- und Entfaltungsmöglichkeiten von 0-18 jährigen Kindern und Jugendlichen. Der Erhalt letzterer mag für die Gesundheit und Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen und für das Stadtteilklima sogar unabdingbarer sein, weil es eine weitaus höhere Anzahl an Personen betrifft. De facto würde ein KiTa-Neubau zur Schaffung von Betreuungsplätzen für Kinder von 0 bis 6 Jahren auf dem Spielplatz Hardenbergstr./ Kornstr. zu Lasten aller Kinder und Jugendlichen des Stadtteils gehen.

 

 Der Bau der KiTa auf dem Spielplatz Hardenbergstr. würde de facto eine Abschaffung von 2/3 der Spielfläche bedeuten. Das Argument, dass der KiTa-Spielplatz nach der KiTa-Öffnungszeit der Allgemeinheit zur Verfügung stünde, ist scheinheilig. KiTas haben mindestens bis 17 Uhr geöffnet und zumeist nur 3 Wochen Schließzeit im Jahr. In den Ferien, wenn die Kinder und Jugendlichen ihre Freifläche am dringendsten bräuchten, stünde sie nicht zur Verfügung. Zudem wäre der Kleinkinder-Spielplatz kein Ersatz für Bolzplatz, Basketballplatz und Skaterfläche, die vorwiegend Jugendliche nutzen.

 

 

Der Spielplatz Hardenbergstr./ Kornstr./ Tieckstr. stellt in seiner jetzigen Beschaffenheit gelebte Stadtteilkultur dar und ist einzigartig. Wie wichtig die Spielfläche als öffentlicher Raum für den Stadtteil ist, hat auch die rege Beteiligung der ansässigen Bürger*innen beim Beteiligungsverfahren zur Neugestaltung des Spielplatzes gezeigt (vgl. Peter Wührmann, siehe Dokumente).

 

 

 

 

Das Argument, es würden mehr Kinderbetreuungsplätze gebraucht, weil mehr Menschen mit Kindern in den Stadtteil Neustadt zuziehen, ist nicht zu widerlegen. Allerdings benötigt der Stadtteil bei einem Mehr an Kindern auch ein Mehr an Spielflächen! Wie kann man da auf die Idee kommen, Spielflächen zu reduzieren anstatt zusätzliche zu schaffen?

 

Größere Kinder und Jugendliche benötigen andere Spielräume als Sandkasten, Klettergerüst und Schaukel.

Auch die zuziehenden Kleinkinder, für die KiTas gebaut werden sollen, werden in naher Zukunft ältere Kinder und schließlich Jugendliche sein.


Gemäß Peter Höfflin, Soziologe und Mit-Autor der Studie „Raum für Kinderspiel!“, die im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks durchgeführt wurde, kommen Spielplätze mit großen Laufflächen bei Kindern besonders gut an (vgl. ZEIT Artikel vom 20.08.2015, siehe Presse). Die Studie beleuchtet die Spielmöglichkeiten von Kindern in ihren Wohngebieten und kommt zu dem Ergebnis, „dass Kinder in kinderfreundlichen Stadtteilen täglich durchschnittlich fast zwei Stunden allein ohne Aufsicht draußen spielen, in kinderunfreundlichen Gebieten nur eine Viertelstunde.“ (ebd.). Das bedeutet, dass Kinder ohne zur Verfügung stehende freie Lauffläche und für sie anregende Spielumgebung zu wenig Bewegung bekommen. Laut Suscha Hupka-Bartels hängt wiederum die intellektuelle Entwicklung eng mit der motorischen Entwicklung zusammen (vgl. Spiel & Bewegung im öffentlichen Raum. Entwicklungskonzept für Spiel- und Aktionsräume in der Stadtgemeinde Bremen, siehe Dokumente). Gibt es eine Entwicklungsverzögerung auf der einen Ebene, ist diese auch auf der anderen nicht auszuschließen. Nach Peter Höfflin können Kinder durch einen Mangel an freiem und unbeobachtetem Spiel außerdem nicht absehbare Hemmungen oder Störungen in ihrer sozialen und seelischen Entwicklung erleiden (vgl. ZEIT Artikel vom 20.08.2015, siehe Presse).

 

Höfflin meint: „Bevor wir eine Fläche bebauen, fragen wir ja auch, welche Auswirkungen das auf das Biotop hat. Und im Fall der Kinder sollten wir uns fragen: Welche Auswirkungen hat das auf das Soziotop?“ (vgl. ebd.).